Sonntag, 22. Juni 2008
Bürogemeinschaft
Was Sarah nicht zugeben mochte, nicht einmal vor sich selbst, war, dass sie ihre Bürogenossin Kerstin heimlich bewunderte. Kerstin war eine tüchtige Frau, beliebt bei den Kollegin. Vor allem deshalb vielleicht, weil sie immer darauf bedacht war, zu gefallen. Sarah wollte das auch, ohne es zu können.
Kerstin war eine äußerst agile Person, schien stets zehn Dinge gleichzeitig zu tun, zugleich zehn weitere Aufgaben von ihren Kollegen zu übernehmen. Wenn es etwas gab, das freiwillig getan werden musste, dann war Kerstin stets die Erste, die diese Aufgabe übernahm.
Kerstin war stets die erste, die man ansprach, wenn es eine Frage gab. Sie schien stets die Antwort auf alle Fragen zu kennen, hatte stets alles im Griff.
Kerstin, das spürtre Sarah instinktiv, würde Karriere machen. Und Sarah würde das nicht. Sarahs Wut auf Kerstin beruhte darauf, dass sie sich stets bewusst war, dass sie nie sehr weit kommen würde, während Kerstin es schon weit gebracht hatte.
Obwohl Sarah sich weigerte, es zuzugeben, war es ihr wichtig, gemocht zu werden. Sie konnte mit dem Gefühl nicht umgehen, dass die Kollegen sie ignorierten, sie übersahen.
Gemocht zu werden scheint ein natürliches Bedürfnis zu sein. Warum wusch man sich täglich, zog sich adrette Kleidung an, lächelte ständig, warum tat man allen möglichen Leuten einen Gefallen? Um ein natürliches Bedürfnis zu befriedigen, die Achtung der Leute zu gewinnen.
Kerstin schien dies instinktiv zu beherrschen, und das war der Grund, warum Sarah sie nicht mochte. Und einer der Gründe dafür, dass Sarah zu träumen aufhörte.

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